Schneiteln in der Woflszahnau

Kopfweiden, ein Zeugnis unserer eigenen Geschichte

Vor 2 Jahren schneitelten wir die erste Kopfweide unseres Lebens. Seit dem lässt uns die Geschichte dieser besonderen Bäume nicht mehr los. Heute wollen wir euch mit auf eine Reise nehmen. Eine Reise, die uns durch die Menschheitsgeschichte führt und zeigt, wie eng wir mit diesen Bäumen verbunden sind.

Rötelweide, vor einem Jahr geschnitten.

Rötelweide in der Woflszahnau, vor einem Jahr geschnitten.

Vor rund 6000 Jahren errichteten die Menschen der Steinzeit Pfahlbausiedlungen direkt am Ufer des Bodensees. Es gab noch kein Metall und auch die Keramik stand erst kurz vor der Entdeckung. Die Möglichkeiten waren somit auf Naturmaterialien beschränkt. Da es kaum Funde aus dieser Zeit gibt die etwas anderes beweisen, gehen Archäologen davon aus, dass Körbe gefertigt aus Gras oder weichem Holz täglich Verwendung als Transport- und Aufbewahrungsmitte fanden.

Flechtzaun bei Konz Foto: Stefan Kühn

Was heute Ungeübten schwer fällt, ging den Menschen damals leicht von der Hand: das Korbflechten. Am Besten eignen sich dafür die Stecken der Weide, da sie schön weich und biegsam sind.

Aber nicht nur dafür wurden Weiden verwendet, auch als Baumaterial waren sie schon damals hochbegehrt. Man konnte daraus Zäune bauen; um Nutztiere wie Ziegen davon abzuhalten Ausflüge in die gefährliche Wildnis zu unternehmen. Zu Fressen bekamen die Tiere u.a. auch Weidenblätter- und Zweige. Das so genannte Laufheu wurde im Wald gerupft oder eben geschneitelt.

Sogar zum Hausbau eigneten sich die Stecken, denn ein mit Lehm und Mist verkleidetes Weidengeflecht hält die Wärme im Inneren des Hauses.

Die Menschen aus der Zeit um 3900 v. Chr. nutzen wahrscheinlich in einem bestimmten Jahresturnus immer die gleichen Bäume zur Rutengewinnung. So erhält man auf einfachste Art Stecken für bestimmte Verwendungszwecke. Zum Beispiel müssen Zweige zum Flechten und Binden sehr dünn und elastisch sein, wie es nur bei einjährigen Ruten der Fall ist. Daraus fertigten also schon die Menschen der Steinzeit mit verschiedensten Techniken Korbwaren.

Ob ihnen damals bewusst war, dass sie damit eine Kulturbaumform schufen die es heute 6000 Jahre später noch immer gibt, wissen wir natürlich nicht. Aber wir können vermuten, dass ihnen die Entwicklung der Kopfweiden im Laufe der Jahre auffiel und auch, dass sie wussten neue Weiden zu setzen und diese zu pflegen.

Die regelmäßige Pflege durch Schneiteln ist notwendig, denn nach wenigen Jahren würden sie kopflastig und auseinanderbrechen, was den Tod des Baumes bedeutet.

Kopfweiden in einer Auenlandschaft Foto: Perlblau

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Nun springen wir ins frühe Mittelalter

Mit der Herstellung von Bronze und Eisen machte die Menschheit wahre Entwicklungssprünge. Werkzeuge wie Eisenpflug oder Axt erleichterten die harte Arbeit und ermöglichten den Bauern größere Felder zu bestellen und mehr Menschen mit Nahrung zu versorgen. Aber auch Waffen wie Schwerter und Streitäxte wurden gefertigt, die in blutigen Schlachten viele Menschenleben kosteten. So hat alles seine zwei Seiten der Medaille.

Heckrinder im Hutewald im Neandertal

Die Bauern aber nutzten noch immer den Wald für ihre Tiere, da Grasfütterung erst um ca. 1000 n. Chr. aufkam. Doch dabei wurden die Wälder durch Holzeinschlag, Schneitelung und Waldhute (Waldweidewirtschaft) immer mehr zerstört. Dadurch entstanden auch die so genannten Niederwälder, die aus niedrig geschneitelten Kopfbäumen bestanden und der Laubheu- und Streugewinnung dienten.
Bevorzugt wurde Eschen, Ulmen und Hainbuchen genutzt.

Hier betritt nun wieder unsere Weide die Bühne. Denn als die Waldnutzung eingeschränkt wurde, mussten sich die Bauern andere Möglichkeiten suchen Holz und Futter zu gewinnen. So pflanzten sie reihenweise Weiden an die Ränder ihrer Felder, Viehweiden und Wege, entlang der Gewässer und auf Weinberge. So schütze die Kopfweide Wälder vor Übernutzung und wurde ein prägendes Landschaftselement Europas.

Bevorzugt wurden die Weidearten Silber-Weide (Salix alba), Dotter-Weide (Salix alba ssp. vitellina) oder Pupur-Weide (Salix purpurea).

Vor allem in der Weinherstellung wurden Weiden vielfältig eingesetzt, daher die Pflanzung an Weinbergen. Mit den einjährigen Ruten oder der Rinde befestigten die Winzer ihre Reben am Stock. Zudem erhielten die Dauben der Weinfässer Ummantlungen aus Weide und sogar als Stoßdämpfer auf dem Karren dienten gebündelte Ruten zum Transport der Fässer.

Sehr beliebt das Holz auch bei den Schnapsbrennern. Zwar bringt das weiche Weidenholz keine Glut hervor, doch es verbrennt sehr schnell und sehr heiß! Ideal zum Brennen von Hochprozentigem.

Viele Künstler verwendeten das Motiv der Kopfweiden wie hier Kaspar David Friedrich: Verschneite Hütte

Die Wichtigkeit der Weide spiegelt sich auch in der Mystik wieder, denn die Bäume sollten besondere Mächte und Kräfte besitzen. Wen eine Krankheit heimsuchte, der schlich heimlich zu einer alten Kopfweide, verschlang drei Ruten am oberen Ende miteinander und sprach: „Weide! Ich winde, Fieber! Ich binde meine 77 Fieber ein!“Die Krankheit übertrug sich auf die Weide und der Leidende war geheilt!
So sagt zumindest ein alter Volksglauben und betitelt die auch Weide als Hexenbaum. Frauen, die sich in der Nähe von Kopfweiden aufhielten, waren von vornherein verdächtig mit dunklen Mächten zu verkehren.
 

Sie tanzten angeblich mit Nymphen und anderen Sagengestalten des nachts bei Vollmond um hohle Weiden. Schöne junge Mädchen sprangen dabei in die hohle Weide und kamen als Grauen erregende Hexen wieder heraus!

In gewisser Weise ist die Furcht vor alten knorzigen Kopfweiden zu verstehen, denn betrachtet einmal nachts bei Vollmond und Nebel diese Bäume.
Mit etwas Fantasie verwandeln sie sich zu Monstern mit Klauen und Reißzähnen, deren abstehender Haarschopf im Mondlicht tausend Speeren gleicht.

Dass Weiden aber gegen Erkältungserscheinungen, Durchfall und Schmerzen hilft ist heute weit bekannt. Sogar in der Schulmedizin wird der Wirkstoff Salicin als Salicylsäure in Aspirin eingesetzt.
Wohl ergeht des dem, der eine Weide in seiner Nähe weiß: man schneide etwas Rinde koche diese mit kaltem Wasser auf, dann 5 Minuten ziehen lassen und fertig ist das natürliche Aspirin!

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Vom nächtlichen Grusel des Mittelalters springen wir nun in die heutige Zeit zurück

Die Bedeutung der Kopfweiden hat sich durch die Industrialisierung stark gewandelt. Waren sie Jahrtausende ein notwendiger und daher selbstverständlicher Bestandteil unserer Kulturlandschaft, so haben sich unsere Landnutzung und Lebensgewohnheiten so stark verändert, dass kaum Platz für einst nützliche Hexenbäume bleibt.

Selten geworden heutzutage sind die Kopfweidenwiesen, wiehier in der in Wolfszahnau.

Selten geworden heutzutage sind die Kopfweidenwiesen, wiehier in der in Wolfszahnau.

Handarbeit ist fast nur noch für Liebhaber von Wert, denn die Industrie wirft seit Jahrzehnten Waren zu Billigpreisen auf den Markt, mit denen kein traditioneller Korbflechter mithalten kann. Im Weinbau haben Draht und Kunststoff die Weidenruten ersetzt, wie in vielen anderen Bereich auch. Das Vieh in Massentierhaltung bekommt heute Soja aus Argentinien zu fressen und auch das Heu muss oft importiert werden, weil auf den ehemals saftigen Wiesen nur noch Energiepflanzen wachsen. Und Kopfschmerzen werden nach moderner Medizin mit synthetischem Aspirin, statt mit natürlichem Weidenrindentee behandelt.

Wo vor 100 Jahren gepflegte Kopfweiden die Feldraine säumten, wird heute jeder Zentimeter umgepflügt, um noch mehr Ertrag aus dem Land zu holen. Die Zeugen unserer Kulturgeschichte verschwinden nach und nach aus der Landschaft.

Dabei spielen die Kopfweiden in der Zeit des großen Artensterbens eine tragende Rolle im Naturschutz. Die Bäume bieten zahllosen Tieren und Pflanzen einen einzigartigen Lebensraum.

Der Waldkautz

Ich will kurz erklären weshalb. Werden Kopfweiden regelmäßig geschneitelt, beginnt das weiche Holz im Inneren des Baumes zu faulen, da Pilzsporen über die Schnittstellen ins Holz gelangen.
Doch keine Sorge, das ist gewollt!
Denn erst wenn eine Kopfweide ihr Innerstes als Höhle präsentiert, zieht es Arten wie der Waldkautz und verschiedene Fledermäuse, Siebenschläfer, Steinmarder und Iltisse an und in die Weide.
Da alte und morsche Bäume sowie Totholz eine Ausnahme in unserer ausgeräumten Landschaft darstellen, bilden die Kopfweiden eine Zuflucht für viele Arten.
Neben Vögeln und Säugetieren leben auch zahllose Insekten im Mulm des zersetzten Holzes, deren Lebensraum sich immer stärker reduziert.
Eine Kopfweide kann beispielsweise bis zu 80 Käferarten beherbergen. Außerdem ist sie eine hervorragende Bienenweide! Auch siedeln sich verschiedene Pflanzen, Pilz und Moose an, in und auf Kopfweiden an.

So machen wir uns seit drei Jahren im Februar mit Motorsäge und Astschere bewaffnet auf, um den Kopfweiden eine neue Frisur zu verpassen. Für uns haben die Bäume auch den althergebrachten Zweck der Rutennutzung. Wir versuchen uns im Korbflechten, bauen lebende Zäune und Weidentippis daraus.

Vor allem in unseren Schulprojekten finden die Ruten einen neuen Platz. So entsteht z.B. in der Kapellenschule ein Naturgarteneck im Schulgarten, das neben Natursteinmauern für Reptilien, auch einen grünen Weidenpavilon bekommt.

Wir nennen das eine win-win-Situation. Der Kopfweide erhält es das Leben und ihren Bewohnern den Lebensraum. Wir wiederum ziehen Nutzen aus den Ruten.

Mit den Kopfweiden haben die Menschen ein einzigartiges Biotop geschaffen, dass sie schützen und erhalten müssen!

Vorher

Vorher

Nachher

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