Wiederauswilderung unserer Kinder

Heute haben wir einen Artikel für euch, den Ildi für die ‚Info-Dienst‘ Ausgabe Dezember 2013 geschrieben hat. Info-Dienst ist eine Zeitschrift des LJKE-Bayern (Landesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen Bayern e.V.). Der Schwerpunkt dieser Ausgabe lag in den verschiedenen Lebenswelten, in denen Jugendliche heute aufwachsen: STADT.LAND.WEB

Die Stadt, das Land, das Web – alle sind sie lebendige Orte, weil der lebendige Mensch sie sazu machen kann. Vieles ist im Austausch, im Übergang, im Experiment; und unsere Kinder mittendrin.“ Katharina Steppe (Redaktion)

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Frei/Raum Cityfarm

Frei/Raum Cityfarm

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Hintergrund

Die Umweltbildung sollte laut Bundesregierung einen größeren Stellenwert erhalten. Es wird immer wieder der Ausbau und die Eingliederung der Naturbildung in den Stundenplan gewünscht. Doch so lobenswert diese schon oft vernommenen Worte klingen, so gegenteilig sieht es in der Realität aus. Natur- und Umweltbildung umfassen sehr weitreichende Themengebiete. An dieser Stelle sollen nur wenige, für die CityFarm Augsburg aber ausschlaggebende Problematiken angesprochen werden.

Vor allem in Städten, mittlerweile aber auch im suburbanen Raum, fehlt oft die familiäre Hinführung zum Thema Garten und Natur. Für viele Familien, die seit mindestens zwei Generationen in der Stadt leben, ist oft das Wissen um Natur und Umwelt nicht mehr notwendig. Teilweise ging das Wissen sogar von einer zur nächsten Generation komplett verloren. Wie sollen nun die Eltern, die dieses Wissen nicht mehr haben, es mit ihren Kindern teilen?

Jede Schule und jeder Kindergarten sollte einen kleinen Nutz- und Naschgarten pflegen.

Kids der Kita Ulmer Straße beim Bearbeiten ihres Beetes auf der CityFarm im Jahr 2012. Foto: Jens Börner

Dadurch entsteht ein Desinteresse bei Kindern und Jugendlichen, welches in den Schulen durch Fehlen entsprechender Einrichtungen noch verstärkt wird. Dieses schulische Problem resultiert aus den Mängeln der strengen zeitlichen Strukturierung wie auch der thematischen Lehrplanorientierung, da selbst interessierten Lehrern kaum Spielraum für Naturbildung außerhalb des Klassenzimmers bleibt. Dies führte neben mangelnder finanzieller Mittel, in den letzten Jahrzehnten zur Aufgabe zahlreicher Schulgärten. Da weder Eltern noch Lehrer der Naturentfremdung ihrer Schützlinge entgegenwirken können, wird die digitale bunte Glitzerwelt leider allzu oft realistischer für Kinder und Jugendliche, als die langweilige grüne Realität vor der Haustür.

Natürlich ist diese Situation überspitzt dargestellt, doch sie trifft den Kern des Problems: den Generationen, die unsere Zukunft bilden sollen, fehlt es an grundlegendem Wissen um Natur, Umwelt und ihrer Zusammenhänge. Dieses Defizit umfasst weite Themen- und Lebensbereiche wie Ernährung und Gesundheit, GVOs, Konsum, Ökologie und Umweltschutz und führt nicht selten zu Verhaltensstörungen, die auf ein Naturdefizit zurückzuführen sind.

Endlich mal klettern dürfen!

„Kinder sollen draußen spielen“ sagt Richard Louve.

Das grundlegende Problem der Naturentfremdung zeigen auch Journalist Richard Louv und Rainer Brämer von der Universität Marburg in ihren Arbeiten auf. Richard Louv beschreibt 2006 in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald?: Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!“ Zusammenhänge zwischen fehlender Naturerfahrung und Verhaltensstörungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-) Syndrom auf. Dies betrifft vor allem in Städten lebende Kinder. Nach Louv besitzen viele Kinder eine verkümmerte Sensibilität zu natürlichen Kreisläufen, Jahreszeiten oder Wildtieren (Bambi-Syndrom). Darunter fällt ebenso das Nichtkennen von Pflanzen und Tieren, sowie der Bezug zu gesunder Nahrung und deren Herkunft. Es mangelt ihnen an direkten, persönlichen Naturerfahrungen. Diese Störung wird als Natur-Defizit-Syndrom bezeichnet.

Auch Fabi war begeistert eins der flauschigen Hühner halten zu dürfen.

Auch der unverklärte Kontakt zu Tieren, egal ob Wild- oder Nutztier, sind elementar für die Kindesentwicklung.

Der Natursoziologe Dr. Rainer Brämer von der Universität Marburg stützt diese These. Er beschäftigt sich mit dem Thema der Naturentfremdung und definierte in seinem Aufsatz Naturentfremdung? Versuch einer sozialwissenschaftlichen Begriffsbestimmungdiesen Begriff folgendermaßen: „Sie ist gekennzeichnet durch eine Distanz zur Natur, die zu relevanten Fehleinschätzungen oder Fehlhandlungen im Umgang mit der äußeren oder eigenen Natur bei der Sicherung der menschlichen Überlebensfähigkeit führt“ (1998, S. 10). Nach Brämer verliert der moderne Mensch schon im Kindesalter die Fähigkeit wahrzunehmen, was für die ihn umgebende, wie auch seine eigene Natur (über)lebenswichtig ist. Neben anthropogen verursachten Umweltproblemen von globalem Ausmaß, Ressourcenverknappung und der modernen Sklaverei, sind psychische Entwicklungsstörungen bei Kindern sowie Zivilisationskrankheiten durch unnatürliche körperliche und psychische Fehlbelastungen eindeutige Anzeichen für Naturentfremdung.

Dieses Natur-Defizit-Syndrom wird teilweise ausgelöst aber auch verstärkt durch die zunehmende Medialisierung, Beschleuningung und Konsumorientierung unserer Mitwelt. Es ist in Mode gekommen immer und überall mittels Smartphone und Co. erreichbar und dabei zu sein.

Die Gewichtung von realer und digitaler Interaktion hat sich hin zur Computerisierung verschoben. Dadurch nimmt der tägliche Informationsinput derart zu, dass Burnout kein Symptom gestresster Manager mehr ist, sondern die Kinder schon im Schulalltag eingeholt hat.

Verschiebung der Realitäten, digital ist das neue real. Foto: pictureYouth

Die gesellschaftspolitische Epidemie des ´Schneller-Höher-Weiter´ zerbricht viele Kinder schon in der Vorschule. Im Kopf noch Kind sollen sie plötzlich Leistungsbringer sein und zu funktionieren haben. Zusätzlich werden noch verschiedenste Musik-, Sport- und andere Förderaktivitäten auf die Nachmittage verteilt, sodass sich der kleine Kopf fragt: „und wann darf ich spielen?“ Selbst das freie Spielen muss heute pädagogisch wertvoll sein. Dabei wird jedoch die Natur der Kinder völlig außer Acht gelassen, denn z.B. ist Langeweile ein wichtiger Bestandteil des Kinderlebens und bietet freien Raum für Kreativität und persönliche Entwicklung.

Zusätzlich tragen die eher als Füllstoff zu bezeichnenden Nahrungsmittel der Lebensmittelindustrie nicht zur Gesundheit der Menschen bei. Ein Lebensmittelskandal jagt den anderen und langsam fragt sich die Bevölkerung, was denn überhaupt noch gesund sei. Allergien und Unverträglichkeiten, vor allem bei Kindern, stehen symptomatisch für eine krankmachende, industrialisierte Land- und Lebensmittelwirtschaft. Die Produktion muss wirtschaftlich sein, auf dem Weltmarkt mithalten können und entsprechenden Absatz bringen. Mit gesunder Ernährung hat dies wenig zu tun. In Kombination mit mangelnder Bewegung und Naturentfremdung sind die Folgen zu oft Adipositas, vorzeitige Altersdiabetes, Allergien, Unverträglichkeiten und Diagnosen wie ADHS.
Übrigends gab der „Erfinder“ des ADHS-Krankheitsbildes, Leon Eisenberg – US-amerikanischer Psychiater, vor seinem Tod zu, dass „ADHS ist Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“ sei.

http://www.inhr.net/artikel/adhs-eine-fabrizierte-erkrankung-die-es-gar-nicht-gibt

Dies soll aber nicht heißen, es würde keine verhaltensauffälligen Kinder mit diesen Symptomen geben. Die gibt es allerdings, doch liegt es nie am Kind und kann sehr oft durch körperliche Aktivitäten in den Griff bekommen werden. Ritalin ist daher wiedereinmal ein Geschenk an die Pharmaindustrie und sicherlich NICHT an die Kinder!!!!!!!

Kinder in ihrer natürlichen Umgebung: draußen im Wald am Fluss.

Kinder in ihrer natürlichen Umgebung: draußen im Wald am Fluss.

Unsere Erfahrungen

Das Naturdefizit ist auch auf fehlende Freiräume für Kinder, vor allem im städtischen Bereich, zurückzuführen. Das Wort Frei-Raum steht hier für einen uneingeschränkten Entfaltungsort im Kultur- und Naturraum, der sich für uns u.a. durch maximale Entschleunigung und Entdigitalisierung auszeichnet. Dies bedeutet einerseits Bewegungsraum, in welchem die Kinder ihre körperlichen Fähigkeiten erfahren und selbst schulen lernen. Weiterhin auch einen Lernort, der die spielerische Naturerfahrung zum primären Ziel hat. Doch fast wichtiger ist, dass in diesem Freiraum die ursprüngliche Wortbedeutung praktisch umgesetzt wird. Frei-Raum also im Sinne von einem Raum der Freiheit, frei von der stetigen Angst überfürsorglicher Eltern oder Lehrer. Die übertriebene Sorge um das Wohlergehen des Kinder ist selbstverständlich löblich, doch sie hemmt den Nachwuchs in ihrer Entwicklung. Sie überträgt sich zwangsläufig auf die Kinder und nimmt ihnen Selbstvertrauen, da es zu keiner Selbsterfahrung mehr kommen kann. Denn wie sollen die Kleinsten Selbstsicherheit lernen ohne sich je selbst ausprobieren zu dürfen? Eine gute Körperkoordination ergibt sich nicht nur durch überteuerte Sport- und Freizeitangebote, sondern auch dadurch Kleinjulian einmal die Woche mit seinen Kumpels in Opas Garten, in den Wald oder auf die CityFarm zu schicken.

Auf dem Hosenboden ins Waldabenteuer! Ildi: "Nur dreckige Kinder sind gute Kinder!"

Ildi: „Nur dreckige Kinder sind gute Kinder!“

Wir erleben Derartiges regelmäßig auf der Farm. Mama und ihr kleiner 6 jähiger Sohn, bleiben wir symbolisch bei Julian, besuchen die CityFarm, um einen Nachmittag im Grünen zu verbringen. Als der kleine Junge von den CityFarmern erfährt, dass er sich hier frei bewegen, alles entdecken, anfassen und ausprobieren darf, bekommen Mutter wie Sohn große Augen. Jedoch aus verschiedenen Gründen. Der Junge stürmt augenblicklich davon und entdeckt die anderen beiden Kinder, die eben auf dem Misthaufen mit alten Kisten surfen und sich über einen dritten im Bunde freuen. Sie führen Julian natürlich gleich zum großen Kletterbaum, quasi das Hauptquartier der Kinder und ermutigen ihn die ersten zaghaften Kletterversuche seines Lebens zu unternehmen, denn bisher gab es solche Bäume in seinem Leben nicht. Er kann seinem Stolz kaum Ausdruck verleihen, als er die Plattform erklommen hat und ruft freudig nach seiner Mama, sie soll sehen was er tolles kann!

Die Mutter wurde unterdessen mit einem frisch gebrühten Kaffee vom Treiben ihres Kindes abgelenkt, doch die Anspannung steht ihr ins Gesicht geschrieben. ´Julian ist sonst nie alleine unterwegs, was wenn er sich verletzt oder Angst bekommt?´ Der aufgeregte Ruf ihres Kindes lässt sie den Kaffee vergessen und fast panisch stürmt sie in den Obstgarten. Ihre Angst lässt sie die Leistung ihres Kindes übersehen und statt Lob erntet Julian Ärger und böse Worte, weil er sich in eine so gefährliche Situation begeben hat. Sie holt das Kind vom Baum und will ihn zur Sicherheit lieber bei den Erwachsenen wissen.

Freiraum und echte Frei- Zeit sind nicht wetterabhängig!

Freiraum und echte Frei- Zeit sind nicht wetterabhängig!

Diese jedoch sehen die Sachlage etwas anders. Für die CityFarmer hat der Freiraum der Farm zentrale Bedeutung. Es gibt nur 3 Regeln für die Kinder: die Tiere nicht jagen und ärgern, nicht schreien und nach dem Spiel wieder aufzuräumen und eine Regel für Eltern: lasst die Kinder mal machen. Sie können mehr als ihnen zugetraut wird! In einer solchen Situation wird von den CityFarmern Position für das Kind bezogen, die Mutter beruhigt und abgelenkt. Es dauert im Schnitt 20-30 Minuten, bis besorgte Eltern ihre Kindern frei spielen lassen oder, im umgedrehten Fall, stark naturentfremdete Kinder sich wie ´naturnahe´ Kinder benehmen. Unsere Erfahrung hat dahingehend gezeigt, dass die Freude sich frei in der Natur zu bewegen und sich auszuprobieren, man glaubt es kaum, in jedem Kind und jedem Erwachsenen steckt. Sei es beim Holz hacken, Bäumeklettern oder Regenwürmer für die Hühner suchen. Innerhalb kurzer Zeit fällt jeder in das Zeitloch auf der CityFarm, die Uhren gehen hier anders oder werden einfach vergessen…

Ein Feuer und Stecken machen Kinder schon glücklich, da braucht es kein Handy, keinen Konsum und keinen Computer.

Ein Feuer, Stecken und Stockbrot machen Kinder schon glücklich, da braucht es kein Handy, keinen Konsum und keinen Computer.

Es kann daher als Fazit herausgestellt werden, dass naturnahe Orte im städtischen Raum der naturentfremdenden Entwicklung entgegenwirken können, wenn man sie nutzt. Sie sind Naturerfahrungs- und Lernort für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und sensibilisieren für natürliche Abläufe. Dadurch werden kognitive, körperliche wie auch soziale Kompetenzen geschult. Auch die entschleunigende Wirkung einer naturnahem Umgebung hat positive Auswirkungen auf Körper und Geist. Der Allagsstress wird reduziert und die natürlichen Fähigkeiten des Körpers reaktiviert.

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Eine Wiederauswilderung der Kinder von heute ist somit zwingend erforderlich, um ihre und damit unsere Zukunft zu sichern!

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Quellen

Brämer, R. (1998): Naturentfremdung? Versuch einer sozialwissenschaftlichen Begriffsbestimmung.
http://www.wanderforschung
.de/files/naturentfremdung1226843289.pdf

Foundation for Global Sustainability (2013)
http://www.santafe.edu/education/schools/global-sustainability/gsss09/gsss09-lectures/

Louve, R. (2006): Das letzte Kind im Wald?: Geben wir unseren Kindern die Natur zurück!

Meyer-Renschhausen (2010) In: Kritischer Agrarbericht
http://www.kritischer-agrarbericht.de/fileadmin/Daten-KAB/KAB-2010/Meyer-Renschh.pdf

NANU! e.V (2013):
http://www.nanu-augsburg.de

Süddeutsche Zeitung (2013):
http://www.sueddeutsche.de/karriere/jugendlicher-schwermut-burnout-bei-kindern-1.582780

Umweltstation Augsburg(2013):
http://www.us-augsburg.de/

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